Bediener und Dolmetscher
Vor Kurzem haben wir eine Woche bei einem Kunden in der Produktion verbracht. Das Arbeitsumfeld war ein gänzlich anderes als wir es als Konferenzdolmetscher gewohnt sind.
Wir hatten keine kuschelig-warme Dolmetschkabine, in die wir uns hätten zurückziehen können und uns hinter unseren Computern zu verstecken, war ebenfalls keine Option.
Der Kunde hatte zur Fertigung eine neue Anlage bestellt, die viele Vorgänge schneller und mit einem höheren Grad der Automatisierung bewerkstelligen kann. Dazu kamen mehrere Schulungsleiter aus Südeuropa, die mit den deutschsprachigen Bedienern vor Ort Englisch sprachen.
Nach jedem Theorieteil im Klassenzimmer, das der Kunde eingerichtet hatte, gab es einen Praxisteil am Gerät. In diesem Rahmen konnten die Bediener dann die Benutzeroberfläche testen, sich mit ihrer Funktionsweise vertraut machen und Rückfragen stellen. Wir, das Dolmetsch-Team, standen für beide Schulungsteile mit einer Personenführungsanlage bereit und begleiteten Schulungsleiter und -teilnehmer im Klassenzimmer und an der Werkbank.
Wir haben unterschiedliche Herausforderungen identifiziert:
- Die Folien, welche im Theorieteil angezeigt wurden, hatten die Schulungsleiter vorab maschinell übersetzt. Welches Tool benutzt wurde, wissen wir nicht.
Wir fühlten uns jedenfalls erinnert an die frühen Tage der automatischen Übersetzungsprogramme großer Suchmaschinenanbieter. - Die Benutzeroberfläche, mit der sich die Bediener vertraut machen sollten, war ebenfalls nicht von einem Menschen übersetzt worden. Das hat teilweise witzige Blüten getrieben, aber auch dazu geführt, dass die Bediener, absolute Experten im Umgang mit ihren Maschinen, wichtige Schaltflächen nicht finden konnten.
(Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Wörter „Autokorrektur“ und „Warteschlange“ liegen eigentlich weit auseinander.)
Einigen Bedienern war während der Schulung sicher flau im Magen. Sie lernen die Bedienung einer neuen Maschine, von der das Unternehmen möchte, dass sie schneller und mit weniger Personal funktioniert.
Uns selbst geht es in unserem Beruf oft ähnlich; viele Dolmetscher:innen machen sich Gedanken dazu, ob sie in der Zukunft von Übersetzungstools, gestützt von neuronalen Netzwerken oder KI, ersetzt werden oder ob das Arbeitsvolumen sinken wird.
Die Woche im Betrieb war ein schönes und ermutigendes Gegenbeispiel zu dieser Entwicklung. Die Mehrheit der Bediener verstand nicht genug Englisch, um der Schulung zu folgen und hörte uns durchgängig bei der Verdolmetschung ins Deutsche zu.
Wenn wir merkten, dass sich ob der Terminologie auf den Folien Verwirrung im Klassenzimmer breit machte, konnten wir intervenieren und die Bediener schlichtweg fragen, welchen Begriff sie normalerweise verwenden. Wenn dieser Begriff wieder falsch auf den Folien erschien, konnten wir uns entsprechend anpassen. 1 – 0 für die menschlichen Dolmetscher.
Wie es oft bei Nicht-Muttersprachlern der Fall ist, kam es manchmal zu Interferenzen aus der Muttersprache der Schulungsleiter. Menschliche Dolmetscher mit einem breiten Repertoire an Fremdsprachen können in so einem Fall schnell genug schalten und den Sinn der Aussage trotzdem übertragen.
Ein Übersetzungstool würde ein einzelnes Wort aus einer unterschiedlichen Fremdsprache nicht registrieren. 2 – 0 für die menschlichen Dolmetscher.
Während Übersetzungstools keine eigenen Kameras haben, um die Gesten von Schulungsleitern und Bedienern zu registrieren und richtig zu interpretieren, sind sie auch hier im Nachteil. Der menschliche Dolmetscher kann die Geste nachahmen oder verbalisieren, was gemeint ist. 3 – 0 für die menschlichen Dolmetscher.
Unser Fazit lautet, dass ein Übersetzungstool für bestimmte statische geschriebene Texte eine gute Lösung darstellen kann. Das erleben wir in unserer täglichen Sprachpraxis.
Auf der anderen Seite wird es immer Anwendungsbereiche geben, in denen eine KI keine sinnvollen Ergebnisse im Dolmetschen erzielt.
Sie stellt keine Rückfragen bei eventuellen Unsicherheiten. Sie ist fest auf die Übersetzung von Sprache A nach Sprache B eingestellt. Sie kann keine Körpersprache oder Mimik interpretieren.
So wie das Berufsbild der Bediener wird sich auch der Beruf der Dolmetscher:innen verändern. Wir sind jedoch sicher, dass beide immer eine Daseinsberechtigung haben werden.